Elektrophiler Angriff – Bildung eines σ-Komplexes – Rearomatisierung durch Protonenabgabe
Bromierung von Benzol – warum findet die Substitution statt und nicht die Addition?
Schritt
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Der σ-Komplex – drei Grenzstrukturen
In allen drei Bildern sitzen die Atome an genau derselben
Stelle. Verschieden ist nur, wohin die Elektronenpaare gezeichnet sind –
und damit, an welchem Kohlenstoff-Atom die positive Ladung steht. Der
wirkliche Zustand ist keines der drei Bilder, sondern liegt dazwischen: Die
Ladung verteilt sich über fünf Kohlenstoff-Atome. An C3 und C5 kann
sie nicht stehen – sonst liessen sich die übrigen Kohlenstoff-Atome
nicht mehr zu Doppelbindungen zusammenfassen.
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Jede Struktur lässt sich einzeln drehen.
Aufgaben
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Elektrophile aromatische Substitution
Benzol reagiert mit Brom nicht so, wie man es von einem Alken erwarten
würde. Aus dem Ansatz geht kein Additionsprodukt hervor, sondern
Brombenzol und Hydrogenbromid – ein Wasserstoff-Atom des Rings ist
durch ein Brom-Atom ersetzt worden. Ohne Katalysator läuft die
Reaktion praktisch nicht ab.
Das Aluminiumbromid steht über dem Pfeil: Es wird
nicht verbraucht und gehört deshalb nicht auf die Seiten der
Gleichung. Die Sechsecke sind Kekulé-Formeln – warum das eine
Vereinfachung ist, steht weiter unten.
Warum substituiert und nicht addiert wird
Im Benzol-Molekül sind sechs Elektronen über alle sechs
Kohlenstoff-Atome verteilt. Dieser Zustand ist deutlich energieärmer
als drei voneinander getrennte Doppelbindungen; die Differenz beträgt
etwa 150 kJ/mol und heißt Mesomerieenergie oder
Delokalisierungsenergie. Eine Addition würde dieses System dauerhaft
zerstören und diesen Betrag kosten. Die Substitution zerstört es
nur vorübergehend – im letzten Schritt entsteht es wieder.
Deshalb steht am Ende Brombenzol und nicht
5,6-Dibromcyclohexa-1,3-dien.
Die Kekulé-Darstellung ist eine Vereinfachung
Die Simulation zeichnet an jeder zweiten Ringbindung eine
Doppelbindung, weil sich Elektronenpaare nur so an bestimmten Stellen
darstellen lassen. Gemessen
sind aber alle sechs Kohlenstoff-Kohlenstoff-Bindungen im Benzol-Molekül
gleich lang: 139 pm. Das liegt zwischen einer
Kohlenstoff-Kohlenstoff-Einfachbindung (154 pm) und einer Doppelbindung
(134 pm). Es gibt im Benzol-Molekül also weder Einfach- noch
Doppelbindungen, und die Doppelbindungen springen auch nicht hin und her.
Die abwechselnde Zeichnung ist ein Behelf, kein Abbild.
Der σ-Komplex und seine Grenzstrukturen
Nach dem Angriff ist ein Kohlenstoff-Atom tetraedrisch geworden; es
trägt jetzt ein Wasserstoff-Atom und ein Brom-Atom. Die verbleibenden
vier Elektronen verteilen sich über die übrigen fünf
Kohlenstoff-Atome. Auch das lässt sich nur behelfsweise zeichnen:
Es sind drei Grenzstrukturen nötig, mit der positiven Ladung an
zwei verschiedenen Nachbaratomen (ortho) und am gegenüberliegenden
Atom (para). An den beiden übrigen Atomen (meta) kann sie nicht
stehen – dann ließen sich die restlichen Elektronen nicht mehr
zu Doppelbindungen zusammenfassen. Der wirkliche Zustand ist keine der
drei Zeichnungen, sondern liegt zwischen ihnen. Dass die Ladung gerade an
diesen Stellen sitzt, erklärt, wohin ein zweiter Substituent geht.
Der Übergangszustand: fünf Elektronenpaare an einem Brom-Atom
Einen Augenblick lang hängen alle drei Teilchen zusammen: Die
Bindung zum Ring ist im Entstehen, die Brom-Brom-Bindung besteht noch,
und das Aluminium-Atom hat sein Elektronenpaar schon bekommen. Das
angegriffene Brom-Atom trägt in diesem Bild fünf Elektronenpaare
und überschreitet damit das Oktett. Ein solcher Zustand lässt
sich nicht isolieren – er ist ein Übergangszustand und
steht für den Augenblick, in dem die eine Bindung entsteht und die
andere bricht. Die Simulation zeigt ihn ausdrücklich, weil sonst der
Eindruck entstünde, die Brom-Brom-Bindung sei schon vorher gebrochen
und ein freies Bromid-Ion hätte den Ring angegriffen. Das ist nicht
der Fall.
Was der Katalysator tut
Aluminiumbromid hat am Aluminium-Atom nur sechs Außenelektronen
– eine Elektronenlücke. Es ist damit eine Lewis-Säure und
zieht ein freies Elektronenpaar eines Brom-Atoms an sich. Dadurch wird das
Brom-Molekül polarisiert, und erst das entstehende δ+ Brom-Atom
ist elektrophil genug, um das aromatische System anzugreifen. Am Ende gibt
der Katalysator das Brom-Atom wieder ab und liegt unverändert vor.
Genau das macht einen Katalysator aus: Er eröffnet einen Reaktionsweg
mit niedrigerer Aktivierungsenergie und geht aus der Reaktion
unverändert hervor. In der Bilanzgleichung
taucht er deshalb nicht auf, sondern über dem Reaktionspfeil.
Wo die Simulation vereinfacht
Der letzte Schritt ist der Anschaulichkeit halber verkürzt: Hier
nimmt dasselbe Tetrabromoaluminat-Ion das Proton auf, das kurz zuvor
entstanden ist. In Wirklichkeit ist die Lösung voller solcher Ionen,
und es ist praktisch nie dasselbe. Die Bilanz ist davon nicht betroffen
– wohl aber die Vorstellung, die beiden Teilchen blieben
während der Reaktion aneinander hängen. Ebenso vereinfacht ist
die Zahl der gezeigten Teilchen: Ein einziger Tropfen Benzol enthält
rund 3 · 1020 Moleküle, und nur ein
verschwindender Teil von ihnen befindet sich zu einem gegebenen Zeitpunkt
im gezeigten Zustand.
Die dargestellten Abstände und Winkel sind
berechnet; die Zeitverhältnisse sind es nicht. Der eigentliche
Bindungsbruch dauert in Wirklichkeit einige Femtosekunden.